Wenn in China ein Sack Reis umfällt staubt´s in Schottland

Sack Reis„Das interessiert mich wie, wenn in China ein Sack Reis umfällt.“ Dieser saloppe Spruch steht seit Jahrzehnten für ein unbekümmertes Achselzucken wenn man zum Ausruck bringen möchte, dass einem ein geschilderter Sachverhalt komplett schnurz ist. Witziger Weise sind die Zeiten, in denen es egal war, wenn in China ein Sack Reis umfällt, seit geraumer Zeit vorbei. Mitunter spürt man die Erschütterungswellen selbst bei geringfügigen Änderungen im politischen und gesellschaftlichen Gefüge im Reich der Mitte recht deutlich auch im guten, alten Europa.

Den Zusammenhang sieht man im ersten Moment oft nicht, sondern kann sich dann nur noch den Staub abklopfen und verdutzt fragen: „Ja, wo kam das denn jetzt her?“ Wie zum Beispiel beim kausalen Zusammenhang zwischen dem „Sack Reis“: „In der Provinzhauptstadt Zhengzhou wurde ein roter Teppich ausgelegt“ und den Absatzzahlen einer kleinen Destille Namens Bruichladdich auf der beschaulichen schottischen Insel Islay.

So geschehen bereits im Oktober letzten Jahres tief in der Provinz Henan nahe der Provinzhauptstadt Zhengzhou: Zur Einweihung eines künstlich angelegten Auffangbeckens trafen sich die führenden Genossen der Provinz. Damit deren Schuhe nicht schmutzig vom Staub werden, wurde dafür eigens ein roter Teppich ausgelegt – Breite 3 Meter, Länge fast 100 Meter!

So weit, so gut. Wäre da nicht der Shitstorm ob des Gipfels an Verschwendung korrupter Parteifunktionäre gewesen, den die Nachrichten und Fotos dieses banalen Ereignisses im Internet ausgelöst haben. Auch wenn wir hier in Europa von den Chinesen jetzt nicht unbedingt das Bild des „Wutbürgers“ haben, der mit erhobener Faust in Massen auf die Straße geht um gegen Missstände und Establishment zu protestieren – dieser Shitstorm ist durchaus kein Einzelphänomen. Laut Akademie der Sozialwissenschaften in Peking finden jährlich zehntausende Proteste statt – die Proteste gegen die Arbeitsbedingungen in chinesischen Werken des Apple-Zulieferers Foxconn for einigen Jahren sind da nur ein prominentes Beispiel.

Wie kaum ein zweites Land hat China in den letzten Jahren einen extremen wirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Wandel erlebt. Der Aufstieg zur Wirtschaftsmacht hat zwar Millionen aus der Armut befreit, dabei aber ebenso Millionen Menschen schlicht an der Abholstation vergessen. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist immens. Und längst läuft auch der Wirtschaftsmotor in der Volksrepublik nicht mehr so rund wie in den Jahren zuvor.

Xi JinpingChinas neuer starker Mann Xi Jinping – Staatspräsident, Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission in Personalunion (mit „Gewaltenteilung“ hat man es nicht so im alten China) -, trat somit vergangenes Jahr ein schweres Erbe an. In Verbindung mit der neuentdeckten Liebe zum Protest der städtischen Mittelschicht sah er sich daher genötigt, das Image der Partei aufzupolieren. Also schwupps eine Sitzung des Politbüros mit den 25 mächtigsten Funktionären Chinas einberufen und einen acht Punkte umfassenden Herrschaftsknigge aufgestellt mit zukünftigen No-Go´s für die „Diener des Volkes“.

Hier taucht dann unter anderem wieder der rote Teppich auf, der zukünftig nicht mehr für Parteikader bei Inspektionsreisen ausgerollt werden soll, aber eben auch neue Benimmregeln bei der Annahme von Geschenken für chinesische Offizielle.

Und jetzt kommt´s: Das wiederum hatte im ersten Halbjahr 2013 – kaum zu glauben eigentlich – einen signifikanten Einfluss auf die Absatzzahlen internationaler Spirituosenhersteller wie Remy Cointreau, Diageo und Pernod. Remy Cointreau meldete für das vergangene Quartal sogar einen um 2,3 Prozent gesunkenen Umsatz.

Dennoch setzen die Konzerne weiter auf das China-Geschäft. Allerdings eben statt auf Parteifunktionäre, die sich beschenken lassen, auf junge und gut ausgebildete Chinesen, denen Geschmack und Qualität dann eben auch einen extra Yuán (chinesische Einheit der Währung) wert ist. Und nach unserem kurzen Ausflug in die Untiefen der chinesischen Administration sind wir wieder „daheim“ im beschaulichen Schottland.

Denn alle oben genannten Konzerne besitzen eben auch edle Malzbutzen. So möchte beispielweise Remy Martin gerade mit seiner Whisky-Marke Bruichladdich auf den schnell wachsenden Märkten in China das Wachstum forcieren. Und die für Deutschland und Europa verfügbaren Bestände werden immer knapper und die Preise immer teurer…

Dieser Sack Reis fällt uns hier wohl noch auf die Füße ;-).

One Thought on “Wenn in China ein Sack Reis umfällt staubt´s in Schottland

  1. zeitlos on August 20, 2013 at 13:22 said:

    Das Thema Marketing und Whisky finde ich insgesamt sehr spannend, neben Bruichladdich wäre auch Ardbeg diejenige welche m.M. nach besonders im Marketing hervorstechen. Hierzu gerne weitere Blog Posts!

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